Nach einer Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum aus dem Jahr 1968 von Hermann Kraus sen. Bearbeitet und erweitert von Bernd Neugebauer anlässlich des 125-jährigen und des 150-jährigen Gründungsjubiläums.
Wie alles begann
Walldorf/Baden weist mit über 70 Vereinen ein besonders reiches Kulturleben auf. Bereits im Jahre 1868, drei Jahre nach Gründung von Freiwilliger Feuerwehr und eines Männergesangvereins, haben einige Männer aus Arbeiter- und Handwerkerkreisen die Aufgabe übernommen, eine Musikkapelle nach ländlichen Begriffen ins Leben zu rufen. Damit zählt der Musikverein-Stadtkapelle Walldorf e.V. zu den traditionsreichsten Vereinen in Walldorf.

Leider fehlen jedoch stichhaltige Unterlagen, um die Gründungsmitglieder einigermaßen sicher festzustellen. Wie ungemein schwer mag es damals gewesen sein, die notwendigen Instrumente und das erforderliche Schulungs- und Notenmaterial zu beschaffen, waren doch die Mittel in der damaligen Zeit in den Händen dieser Kreise gering. Es soll sich allerdings ein großzügiger Spender gefunden haben, der zumindest einen Teil der benötigten Finanzen zur Verfügung stellte. Sein Name konnte aber auch hier nicht mit Sicherheit festgestellt werden.
Es geht aufwärts
Mit viel Idealismus und Fleiß schaffte es die junge Kapelle schon nach einigen Jahren bei Veranstaltungen verschiedener Art mitzuwirken. Zur Zeit der Jahrhundertwende erfuhr das Musik- und Gesangsleben in Walldorf einen großen Aufschwung, so dass bereits im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts eine Feuerwehrkapelle in Konkurrenz zum Musikverein trat. Beide Orchester arbeiteten nun intensiv, um die jeweils andere Kapelle an Leistung und Stärke zu überbieten. Die ältere Musikkapelle wurde zunächst vom Werkmann Heinrich Bruckner und später vom Steuerbeamten Schneider und Friedrich Willinger geleitet, während die Feuerwehrkapelle unter der Leitung von Malermeister Karl Kraus stand.
Im Jahre 1908 erfolgte der Zusammenschluss der beiden Kapellen zu einem Musikverein, dessen Weiterentwicklung in den Händen des damaligen Bürgermeisters Stefan Abel lag. Dies blieb auch bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1914 so, wobei die daheimgebliebenen Musiker bei öffentlichen Veranstaltungen und Trauerfeiern mitwirkten. Nach Kriegsende 1919 begann der Neuaufbau der Kapelle, besonders mit Musikern aus den Familien Kraus, Reinhard, Willinger und Wolf, und schon bald erreichte sie unter der musikalischen Leitung von Malermeister Karl Kraus einen achtbaren Leistungsstand.
1925 übernahm Philipp Kraus von seinem Vater das Dirigentenamt. Mit seinem jugendlichen Elan wurden neue talentierte Musiker erfolgreich aus- und weitergebildet, so dass sich bald messbare Erfolge einstellten. 1928 und 1929 beteiligte sich die Kapelle an Preisspielen und konnte jeweils die Tagesbestleistung erringen. In dieser Zeit der großen Entfaltung wurde neben der Blaskapelle auch noch ein Streichorchester eingeführt, das anfangs von Kaufmann Alwin Wolf geleitet und später vom Dirigenten der Blaskapelle übernommen wurde.
Das schönste Ereignis im Musikleben der Gemeinde war bis dahin das vom 25. bis 27. Mai 1929 veranstaltete Musikfest, das vom aktiven Mitglied Hermann Kraus organisiert wurde. Dreizehn Kapellen haben dabei mitgewirkt, neun davon nahmen am Preisspiel teil, bei dem zwei Musikermeister aus Karlsruhe und Freiburg/Br. als Richter fungierten. Festpräsident und Schirmherr war Rektor Grimm der auch in seiner Festansprache im Saal „Zum Wilhelmsberg“ die Bedeutung dieses ersten großen Musikfestes zu würdigen wusste.
Jähes Ende
Als im Jahre 1933 die Führung des Reiches die Nationalsozialisten übernehmen und im Zuge der „Gleichschaltung“ der Verein und die Kapelle aufgelöst wurden, zerfiel die bis dahin bestandene örtliche Musiker-Gemeinschaft.
Nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 hemmten zunächst Besatzungsregierung und Entnazifizierungsbestimmungen einen schnellen Neuanfang der Kapelle. Hermann Kraus, der an die Stelle seines verstorbenen Bruders Philipp trat, war es zu verdanken, dass es 1946 nach zähen Verhandlungen mit den entsprechenden Entscheidungsorganen wieder zu einem Aufbau eines Blas- und Streichorchesters kam.
Erster Vorsitzender und Dirigent Hermann Kraus organisierte, aufgrund der besonderen Umstände der Nachkriegszeit drei Jahre verspätet, 1951 das 80-jährige Gründungsfest. Er schied 1955 aus dem Verein aus, was von allen Seiten bedauert wurde. Sein Idealismus und Arbeitseinsatz legte den Grundstein des heute bestehenden Vereins, weswegen wir ihn in besonderer Erinnerung halten müssen.
Neu-Gründung
1956 wurde der „Musikverein – Stadtkapelle Walldorf“ unter Vorsitz von Karl Reinle gegründet. Dirigent wurde der bereits aktive Musiker Herbert Minnack. In den folgenden Jahren nahm die Kapelle an zahlreichen Wertungsspielen teil und konnte viele schöne Erfolge erringen. Ein reger Besuch und Gegenbesuch bei anderen Blaskapellen belegt die reichlichen Kontakte der damaligen Zeit. Mit organisatorischem Talent und unermüdlichem Reiß führte Karl Reinle das 90-jährige Jubiläum zu einem vollem Erfolg. 1964 jedoch legte er sein Amt wegen Krankheit und wohl auch wegen einiger Unstimmigkeiten nieder. In Folge seiner Tätigkeit als Berufsmusiker war auch der allseits beliebte Herbert Minnack gezwungen, sein Dirigentenamt niederzulegen.
Als neuer Vorsitzender wurde der Kaufmann Michael Schwalbach gewählt, als Dirigent konnte mit Werner Möller ein erfahrener Musiker verpflichtet werden, der dann bis 1989 als musikalischer Leiter 25 Jahre lang die Kapelle führen sollte. Er verstand es, in relativ kurzer Zeit das harmonische Zusammenspiel weiter zu verbessern, was durch die Tagesbestleistung mit Dirigentenpreis beim Bezirksmusikerfest im Juni/Juli 1967 zum Ausdruck kam.
Das Jahr 1968 stand ganz im Zeichen des 100-jährigen Vereinsjubiläums. Der Wettergott hatte jedoch kein Einsehen mit den Walldorfer Musikern, denn die viertägige Festveranstaltung hatte in dem eigens dafür errichteten Festzelt mit Regenschauern und Gewittern zu kämpfen, so dass Jubelstimmung eher selten aufkam. Dennoch fanden Festbankett, Festzug mit befreundeten Kapellen und Vereinen und ein bunter Abend als Abschlussveranstaltung statt.
1977 übernahm Gerhard Rimmler, seit 1968 Schriftführer und ab 1972 zweiter Vorsitzender, das Amt des Vorsitzenden.
Jugend gesucht und gefunden
In den folgenden Jahren hatte die Kapelle mit einem starken Rückgang an aktiven Musikern zu kämpfen, so dass man fast am Rand der Spielunfähigkeit stand. Nur noch wenige fanden den Weg in das damalige Probelokal „Perkeo“ in der Bahnhofstraße. Junge Leute mussten gesucht und ausgebildet werden. Gerhard Buffleb war hier die treibende Kraft. Als aktiver Musiker engagierte er sich in der Jugendausbildung. Nachdem 1974 und 1977 in zwei Veranstaltungen in Walldorfer Schulen Jugendliche zum Erlernen von Blasinstrumenten animiert worden waren, stand Gerhard Buffleb als Dirigent der neugegründeten Jugendkapelle vor.
Nachdem sie in den Jahren 1981 und 1982 an mehreren Veranstaltungen, wie z.B. Strassenkerwe und Waldfest ihr Können unter Beweis gestellt hatte, gaben die Jugendlichen im November 1982 ihr erstes eigenes Konzert. Schnell gelang es, die Nachwuchskräfte in die „alte“ Kapelle zu integrieren, so dass, immer noch unter Werner Möller, wieder eine ansehnliche Blaskapelle zusammenfand.
Dies bestätigte das Konzert anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Werner Möller als Dirigent in Walldorf, das im März 1985 stattfand. Nach 25-jähriger Dirigententätigkeit beim Musikverein übergab er am 1. Mai 1989 seinem Nachfolger Klaus Stohner den Taktstock. Dieser schwang ihn aber nur bis zum Oktober 1990, dann wurde er vorübergehend durch unseren aktiven Gerhard Buffleb abgelöst. Die Leitung der Jugendkapelle hatte er bereits 1987 an Erich Merklinger übergeben, der damit begann, sie im Big-Band-Stil neu aufzubauen. In einem gemeinsamen Konzert von Jugend- und Seniorenorchester im Mai 1992 im Evangelischen Gemeindehaus konnten beide das Publikum begeistern.
Im November 1992 wurden zwei unserer Aktiven für mehr als 15-jährige ehrenamtliche Vorstandstätigkeit mit der Ehrennadel vom Land Baden-Württemberg ausgezeichnet. Erster Vorsitzender Gerhard Rimmler führte bereits mehr als zwanzig Jahre den Verein mit viel Elan und Engagement. Der Musiker Dieter Handermann wurde für seinen Dienst als Notenwart ausgezeichnet. Er zeigt viel Idealismus und Gewissenhaftigkeit bei dieser verantwortungsvollen Tätigkeit. Die Urkunden und Nadeln wurden in einer Feierstunde durch Bürgermeister Dr. Jürgen Criegee im Astorhaus überreicht.

125 Jahre Blasmusik in Walldorf
Im Jubeljahr 1993 übernahm Kurt Unsin, bislang aktiver Tuba-Bläser, den Dirigentenstock, nachdem er sich im Dezember 1992 in einer Ausscheidung gegen vier Mitbewerber durchsetzte. Er wurde im Jahr 2000 von Viktor Hamann abgelöst. Von 2006 bis 2008 wurde das Orchester interimsweise von Christiane Seitz, die bereits seit vielen Jahren dem Jugendorchester vorstand und dort große Erfolge feiern konnte, dirigiert. Nach dem Konzert im Jahr 2006 wurde denn auch konsequenterweise das damalig Jungendorchester und das Hauptorchester zusammengeführt. Nicht zuletzt der ausgezeichneten Jugendarbeit ist es zu verdanken, dass die Stadtkapelle ihre Zuhörer auch nach 140 Jahren mit mitreißender Blasmusik auf höchstem Niveau unterhalten kann.
Auch technologisch rüstete der Verein auf: Im Jahr 2001 wurde als eine der ersten Vereinshomepages in Walldorf die Internetpräsenz http://www.stadtkapelle-walldorf.de eröffnet. Neben Informationen rund um das Vereinsleben wie Bilder, Videos und aktuellen Terminen bot die Seite zwischenzeitlich auch ein interaktives Forum an.
Hier und jetzt
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